7 psychologische Trends, die Marken 2026 bestimmen
2026 wird kein Jahr der großen technologischen Durchbrüche im Marketing. Es wird ein Jahr der psychologischen Korrektur.
15. Dezember 2025
Lesezeit: 8 Min
Inhalt
7 psychologische Trends, die Marken 2026 bestimmen
2026 wird kein Jahr der großen technologischen Durchbrüche im Marketing. Es wird ein Jahr der psychologischen Korrektur.
Nach Jahren permanenter Beschleunigung, Dauerkrisen und Überkommunikation verändern sich nicht nur Mediennutzung und Kaufverhalten, sondern die mentalen Bedürfnisse, die Menschen an Marken richten. Marken sind viel mehr Kommunikationsaufgabe. Wer Marken als psychologische Systeme begreift, erkennt, dass sie zunehmend gesellschaftliche Stützfunktion haben, die früher von sozialen Strukturen, Institutionen und Milieus erfüllt wurden.
1. Mentale Erschöpfung: Marken als kognitive Entlastung
Wir Menschen sind nicht mehr informationshungrig, sondern entscheidungsmüde, wir leiden sozusagen an Entscheidungsüberlastung. Die Verhaltensökonomie beschreibt dieses Phänomen seit Langem als „Decision Fatigue“. Studien von Roy Baumeister zeigen, dass die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, mit jeder weiteren Wahl messbar abnimmt und zu Vermeidungsverhalten oder schlechten Entscheidungen führt.
Wenn ich mich für ein Joghurt einer bestimmten Molkerei oder für einen Fernseher einer bestimmten Marke entscheide, reduziere ich die Komplexität des Angebots. In einer Welt permanenter Optionen werden Marken deshalb nicht mehr als Inspirationsquellen geschätzt, sondern als kognitive Entlastungssysteme. Erfolgreiche Marken reduzieren Komplexität, treffen Vorentscheidungen und kommunizieren klar, wofür sie stehen. Sie bieten Orientierung statt Möglichkeiten. Psychologisch betrachtet verschiebt sich die Markenfunktion von Stimulation zu Stabilisierung.
Für 2026 gilt: Marken sind Orientierungshelfer, nicht Unterhalter.
2. Polarisierung als Sicherheitsfunktion
Während Polarisierung lange als riskanter Kommunikationsstil galt, zeigen sozialpsychologische Studien, dass klare Gruppenabgrenzungen in unsicheren Zeiten das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit erhöhen. Die „Social Identity Theory“ von Henri Tajfel und John Turner belegt, dass Menschen ihr Selbstwertgefühl zu einem erheblichen Teil aus Gruppenzugehörigkeit beziehen. Polarisierung ist längst nicht mehr Kommunikationsstil, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie ist ein psychologischer Schutz.
Marken, die „für alle da“ sind, wirken hingegen zunehmend verdächtig. Die neuere Forschung von Van Prooijen und Krouwel belegt, dass ambivalente oder neutrale Positionen in polarisierten Umfeldern als weniger vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Für Marken bedeutet das: Neutralität wird psychologisch als unsicher gelesen. Polarisierung dient also nicht mehr primär der Provokation, sondern als Signal sozialer Verortung. Marken, die keine klare Grenze ziehen, verlieren ihre Identitätsfunktion.
Für 2026 gilt: Polarisierung schafft soziale Verortung.
3. Post-Authentizität: Verlässlichkeit schlägt Echtheit
„Authentisch sein“ war über Jahre ein zentrales Markenversprechen, verliert jedoch 2026 an Wirkung. Man könnte sagen, „Authentizität“ ist verbraucht, denn niemand glaubt mehr an das „echte Ich“. Der Grund liegt weniger in Zynismus als in Lernprozessen. Konsumenten haben gelernt, dass Authentizität performativ herstellbar ist. Die Psychologie spricht von „Impression Management“.
„Jede Darbietung wird vom Publikum nach den Maßstäben der Glaubwürdigkeit bewertet.“
Erving Goffman
Studien von Aaker, Fournier und Brasel zeigen, dass Menschen zur Schau gestellter Authentizität zunehmend skeptisch gegenüberstehen, während konsistentes Verhalten Vertrauen aufbaut. Verlässlichkeit schlägt Echtheit. Marken, die über lange Zeit vorhersehbar handeln, werden als glaubwürdiger wahrgenommen als solche, die ständig ihre Persönlichkeit zu inszenieren bemüht sind. 2026 gewinnen Marken nicht durch performative Authentizität, sondern durch Stabilität.
Für 2026 gilt: Marken werden wieder Institutionen, nicht Persönlichkeiten.
4. Subtiler Status: Codes statt Logos
Parallel dazu verändert sich die Logik von Status. Status verschwindet nicht, sondern wird subtiler. Die Soziologie beschreibt diesen Wandel als Verschiebung von „conspicuous consumption“ zu „inconspicuous consumption“. Studien von Berger und Ward zeigen, dass höheres kulturelles Kapital in westlichen Kulturen zunehmend durch Zurückhaltung, Codes und Insiderwissen signalisiert wird, anstatt durch offensichtlichen Luxus.
Offener Statuskonsum wirkt heute peinlich. Status wandert in Wissens-, Geschmacks- und Verhaltenscodes. Für Marken bedeutet das im Jahr 2026 eine Abkehr vom lauten Symbol hin zum stillen Zeichen. Logos verlieren an Bedeutung, während Details, Referenzen und kulturelle Anschlussfähigkeit wichtiger werden. Statusmarken können sich nicht mehr auf sichtbare Souveränität verlassen, sie sind vielmehr leise Codes, die für die richtigen Personen lesbar sind.
Für 2026 gilt: Marken werden Lesestoff, keine Plakate.
5. Narrative Erschöpfung: Sinn ohne Story
Storytelling war lange das zentrale Instrument der Markenführung. Doch psychologische Forschung zeigt, dass Überexposition gegenüber narrativen Mustern zu Reaktanz und Abwertung führt. Studien von Escalas und Woodside zur sogenannten „Narrative Fatigue“ belegen, dass Menschen auf inflationäre Sinnkommunikation weniger reagieren als auf das tatsächliche Verhalten.
„Das Problem ist nicht, dass Geschichten nicht mehr funktionieren. Es ist, dass es zu viele davon gibt.“
Frank Rose
Menschen sind story-müde: „Purpose“, „Journey“ und „Mission“ wirken hohl, denn jede Marke erzählt ihre Geschichte, aber niemand hört mehr zu. Sinn entsteht in Zukunft nicht mehr durch Storytelling, sondern durch beobachtbares Handeln. Marken müssen ihre Bedeutung nicht erklären, sondern verkörpern. Funktion schlägt Fiktion. Position ersetzt Geschichte.
Für 2026 gilt: Marken beweisen Bedeutung – sie erklären sie nicht.
6. Kontrolle ersetzt Freiheit
Während Wahlfreiheit lange als positiv galt, zeigen psychologische Studien, dass zu viel Auswahl Stress, Entscheidungsangst und Unzufriedenheit erzeugt. Barry Schwartz prägte 2004 dafür den Begriff „Paradox of Choice“. Neuere Studien bestätigen, dass kuratierte Angebote als angenehmer und vertrauenswürdiger wahrgenommen werden als offene Optionen.
„Wenn Menschen zu viele Wahlmöglichkeiten haben, erleben sie diese eher als Lähmung denn als Befreiung.“
Barry Schwartz
Freiheit wirkt anstrengend, Kontrolle wirkt beruhigend. Marken, die Entscheidungen abnehmen, erzeugen psychologische Erleichterung. Führung wird wieder attraktiver als Offenheit. Kontrolle wird als Fürsorge interpretiert.
Für 2026 gilt: Gute Marken nehmen Entscheidungen ab.
7. Marken als psychologische Infrastruktur
In einer fragmentierten Gesellschaft übernehmen sie Funktionen, die früher von stabilen sozialen Systemen erfüllt wurden. Die Soziologie spricht hier von funktionaler Substitution. Studien von Belk und Holt zur Bedeutung von Marken in Identitätsbildungsprozessen zeigen, dass Marken zunehmend als Orientierungspunkte für Selbstdefinition, Werte und soziale Zugehörigkeit dienen.
Marken sind Vermessungspunkte, an denen wir Werte und Verhaltensnormen festmachen. Sie haben sich als Stützsystem unserer Gesellschaft etabliert und damit Stände, Glaubensgemeinschaften und sogar die Familie zu einem Gutteil abgelöst. Marken strukturieren Verhalten, Erwartungen und Zugehörigkeit. Sie sind nicht mehr nur Anbieter, sondern Ordnungsmodelle.
Für 2026 gilt: Marken, die Halt geben, gewinnen.
Fazit
2026 gewinnen daher nicht die kreativsten oder lautesten Marken, sondern jene, die psychologisch verstanden haben, was Menschen heute brauchen: Entlastung, Klarheit, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit. Marken, die diese Rolle annehmen, werden nicht nur gekauft, sondern geglaubt.
Mehr zu diesem Thema gibt es in meinem Buch. Es ist im Buchhandel und online zum Preis von 22 Euro* erhältlich.
* Unverbindliche Preisempfehlung
Armin Bonelli
15. Dezember 2025
Lesezeit: 8 Min


