Die Welt ist in der Midlife-Crises

Covid-19 New Work
von Armin Bonelli · 21. April 2020 · Lesezeit 7 min

Warum ignorieren wir solange die Klimakrise und reagieren plötzlich so panisch auf ein Grippevirus? Warum haben sich viele Themen und Veränderungen bereits die letzten Jahre angekündigt und was bedeutet das Corona Virus für unsere Menschheit und für den Einzelnen? Das Virus als eindeutiger Auslöser für viele Beschwerden, die wir lange übergangen haben. Jetzt ist die Welt in einer Midlife-Crisis. Doch was bedeutet das?






Inhalt


Warum ist die Welt in der Midlife-Crisis?
Corona ist nur der Auslöser
Verunsicherung ist zentraler Bestandteil jeder Krise
Warum haben wir die Klimakrise ignoriert und reagieren jetzt so schnell?
Was passiert nach einer Midlife-Crisis?
Wer entscheidet?

Warum ist die Welt in der Midlife-Crisis?


Die westliche Welt ist in der Midlife-Crises, vergleichbar mit der eines Menschen. Üblicherweise verbringen ein Großteil der Menschen 25 Jahre ihres Lebens in einem Leistungskorsett. Das berufliche aber auch das private Leben wird geplant und durchgetaktet. Und dann, im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, erleben viele eine Zäsur. Der Mensch drückt die Pause-Taste. Er schaut zurück und fragt sich: was tue ich? Was ist meine Aufgabe, meine Bestimmung? Was ist es, was ich in meinem Leben wirklich möchte? Und was erwartet mich noch?

Ganz ähnliches passiert jetzt mit unserem Planeten, zumindest mit der postindustriellen, westlichen Welt. Wir haben diese Welt die letzten 100 Jahre nach dem Leistungsprinzip gestaltet, mit einem Ziel: Performance, Effizienz und Wachstum. Ähnlich tun wir das im Sport, nach dem Motto höher, schneller, weiter. Auch da fragen wir uns ständig, was können wir aus einem Athleten noch herausholen, ohne (nachweisbarem) Doping? Wie schaffen wir es, dass der Mensch noch fünf Zentimeter höher springt? Wir holen die letzten Kraftreserven aus dem Athleten heraus und wir tun das Gleiche in unserem eigenen Leben und letztlich mit unserer Welt. Bezahlt haben wir das mit einem immer höher werdenden Leistungsdruck einerseits und einem erodierten Planeten andererseits.

Corona ist nur der Auslöser


Warum spielen wir dieses Spiel eigentlich schon so lange? Wohl weil es vieles vorgibt und uns Entscheidungen erleichtert. Wir profitierten lange von einer zumindest scheinbaren Planbarkeit, wirtschaftlich, beruflich aber auch in der Lebensplanung: Karriere, Haus, Familie. In der Zeitspanne im Alter zwischen 25 und 40 Jahren lastet auf den meisten Menschen der größte Leistungsdruck. Danach kommt oft der Zeitpunkt, an dem wir hinterfragen, zurückschauen und auch vorausschauen: wie habe ich gelebt und wie will ich in Zukunft leben? Wie viel Zeit bleibt mir noch um Dinge zu verändern?

Genau das passiert jetzt auch in den Industrieländern: Die ganze Welt steht auf einmal still. Doch das tun wir nicht freiwillig. Scheinbar wurden wir dazu gezwungen. Aber hat nicht jede Midlife-Crisis hat einen Auslöser? Dieser Auslöser ist meist nicht der eigentliche Grund. Das Corona Virus oder SARS-CoV-2 ist nicht der Grund, sondern nur der Auslöser.

Verunsicherung ist zentraler Bestandteil jeder Krise


Jede Midlife-Crisis bedeutet eine große Verunsicherung. Zunächst stellen wir unser ganzes Leben in Frage, aus gutem Grund. Auf unsere Welt bezogen kündigt sich dieses “In-Frage-Stellen” ja schon seit vielen Jahrzehnten an. Bereits in den Siebziger Jahren standen folgende Themen im Mittelpunkt: reichen unsere Energiereserven, ist unser Lebensstil für uns und unsere Welt der Richtige? Bei einem ganzen Planeten dauern diese Fragestellungen naturgemäß etwas länger als bei einem Individuum, vom ersten Zweifeln bis zu einem tatsächlichen Bruch vergehen oft Jahre.

Warum haben wir die Klimakrise ignoriert und reagieren jetzt so schnell?


Warum haben wir die Klimakrise ignoriert und reagieren jetzt so schnell und umfassend bei einem Grippe-Virus? Im Fall der Klimakrise scheint die Erklärung einfach: Dahinter steckt die Problematik eines ressourcenintensiven Umgangs mit unserer Welt. Ein Thema, das viele von uns beschäftigt hat und doch stellt sich die Frage, ob es den Weg in unser kollektives Bewusstsein gefunden hat. Letztlich hat die Menschheit diese Krise bisher weitgehend ignoriert. Warum eigentlich? Die Veränderung hätte eine Abkehr von unserem Lebensstil, unserem Arbeitsstil und letztlich unserem Wirtschaftssystem bedeutet. Und das mit ungewissen Folgen, die eindeutig Angst machen.

Doch es gibt noch ein anderes Phänomen, das hier zum Tragen kommt. Der Mensch funktioniert so, dass er erste Signale nicht ernst nimmt. Wir kennen das alle von unserer Gesundheit: wenn uns etwas beginnt wehzutun, gehen wir meist nicht gleich zum Arzt. Wir ändern vor allem nicht unseren Lebensstil. Und so hat uns auf dieser Welt schon einiges weh getan, aber unseren Lebensstil haben wir deshalb nicht geändert. Das Prinzip ist das Gleiche. Erst dann, wenn wir uns nicht mehr rühren können, wenn wir die Signale nicht mehr ignorieren können und gezwungen werden, dann ändern wir unseren Lebensstil.

Durch das Corona Virus und die Auswirkungen werden wir nun gezwungen uns zu verändern, zumindest scheinbar. Ich glaube nicht, dass wir tatsächlich gezwungen werden. Wir nehmen Corona als Anlass, wir vergrößern und dramatisieren dieses Ereignis stellvertretend für viele Beschwerden, die wir schon lange verspüren. Corona ist also der Anlass, um eine Veränderung herbeizuführen, die sich lange schon, aber nun immer dringlicher in den Vordergrund drängt.

Was passiert nach dieser Midlife-Crisis?


Auf Schock und Verunsicherung folgt oft ein radikaler Gegenentwurf im Leben, ein Pendelschlag ins andere Extrem. Wir probieren das Gegenteil von dem, was wir bisher taten, um die Bedürfnisse, die wir unterdrückt hatten, auszuleben. Statt Büro, Haus, Familie und Hypothek machen wir Yoga, unternehmen Reisen, suchen eine neue Partnerin oder einen neuen Partner, der oftmals das Gegenteil von dem darstellt, was wir bisher kannten. Dieser Gegenentwurf ist allerdings meist nicht nachhaltig. In dieser Zeit müssen wir uns daher fragen: was ist es, was wir tatsächlich in diesem Leben wollen? Was bleibt übrig, wenn wir diese beiden Lebensentwürfe, die These und die Antithese, gegenüberstellen. Welche Elemente aus diesen beiden Vorstellungen sind für uns relevant? Wie sollen unser Leben, unsere Arbeit und unsere Wirtschaft aussehen? Wie wollen wir uns auf diesem Planeten verhalten?

Wer entscheidet?


Wer entscheidet, wie es weitergeht? Welche Mächte steuern uns jetzt? Wo wird die Zukunft entworfen? Sind es Staatsoberhäupter, Wirtschaftsbosse oder jeder einzelne? Meine Beobachtungen haben immer wieder ergeben, dass keine einzelnen Personen oder Gremien so viel Einfluss haben, den Lauf der Welt nachhaltig zu bestimmen. Ich glaube umgekehrt auch nicht, dass jeder für sich selbst entscheidet. Die meisten Entscheidungen werden aufgrund großer Trends im kollektiven Bewusstsein entschieden. Erst wenn eine kritische Masse erreicht ist und sehr viele Menschen ein Bedürfnis oder eine Vorstellung teilen, dann verändert sich etwas.

Große Trends kündigen sich lange an. Zunächst sind es nur einzelne Stimmen, dann Bewegungen am Rande des gesellschaftlichen Konsens, und schließlich erreichen sie eine kritische Masse, die das System verändert. Offensichtlich ist das jetzt der Fall. Ansonsten hätten wir dieses Virus nicht zum Anlass genommen, einen so gravierenden Einschnitt im Lauf der Welt herbeizuführen. Jetzt sollten wir die Möglichkeit nutzen und uns darüber klar zu werden, wie wir die nächsten 100 Jahre leben wollen.



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